Die Aufnahme in die Medienblog-Liste nehme ich jetzt aber doch als Anlass, mal etwas loszuwerden: Am 13. Juni zappte ich zufällig in Günther Jauchs Unterhaltungssendung “Stern-TV” auf RTL herein und blieb, gefesselt von der wachsenden Faszination des Grauens, dort hängen. Ein an sich bemitleidenswerter, aber hoch motivierter Reporter stellte uns dort ein von eine Dame mittleren Alters aus ihrem Dachgeschossbüro vertriebene Innovation vor. Grob gesagt, eine Art Plastik-Pinkelbeutel fürs Urinieren unterwegs, den der Reporter natürlich auch testen musste. Doch der ellenlange Bericht war damit noch nicht zu Ende, die Folter ging noch weiter: Im folgenden Praxis-Test zog der Berichterstatter mit einem Haufen Campingbrüder aus dem Sauerland auf eine Art Vatertagstour, um anschließend den Ehefrauen die prall gefüllten Pinkelbeutel zu präsentieren.
Möglicherweise hatte bei RTL jemand währenddessen das Insert “Dauerwerbesendung” vergessen: Die Camper waren vom T-Shirt übers Käppi bis zum Kasten unübersehbar von der Krombacher-Brauerei ausgestattet worden. Die ist zwar weiterhin “Presenter” der Jauch-Sendung, aber was dort in diesem Fall veranstaltet wurde, halte ich für Product Placement/Schleichwerbung pur.
Krombacher: Das sind nur Fans
Krombacher antworte auf meine Anfrage, ob es eine inhaltliche Zusammenarbeit mit Stern-TV gäbe: “Eine inhaltliche Zusammenarbeit, was die Beiträge bei Stern TV angeht, gibt es nicht.” Krombacher sei die meistverkaufte und beliebteste Premiumbiermarke im deutschen Lebensmitteleinzelhandel: “Da bleibt es natürlich nicht aus, dass sich ausgesprochene Fans auch mit ‘ihrer’ Marke identifizieren.”
Kritiker der Pläne von Minister Schäuble und anderer Innenpolitiker prangern im Netz die zunehmende Überwachung an – mit der “Schäublone”, dem Schlagwort “Stasi 2.0″ oder Literaturtipps für den Minister (Exemplare von “1984″ ans Innenministerium schicken, heißt es dann etwa). Einige Blogger wollen sich auch gleich in vorauseilendem Gehorsam üben und jede E-Mail in Kopie ans Ministerium weiterleiten oder dieses über ihre Alltags- und Urlaubspläne auf dem laufenden halten. (tagesschau.de)
Die Macher des auf einem Grazer Festival uraufgeführten Dokumentarfilms “Every Step You Take” sind mir zu vorgekommen und haben eine kleine Linkliste der in den letzten Monaten veröffentlichten Dokus und Animationen zusammengestellt, die sich ähnlichen Themen wie unser Film Alltag Überwachung widmen. Ich lege nach – noch nicht alles habe ich selbst gesehen.
Planet unter Beobachtung. Kurzes Video von Alexander Svensson über die Vorratsdatenspeicherung im Retro-Sci-Fi-Stil.
Journalisten kämpfen gegen Überwachung. Beitrag aus Zapp/NDR (Manuskript und Video, 26. September 2007), u. a. mit einem Beispiel für die Folgen der Vorratsdatenspeicherung in Belgien. Video auch bei YouTube.
Der gläserne Deutsche. Einige Texte ZDF-Dokumentation, 2009, 45 Minuten. Einige Sprechertexte klingen genauso wie bei unserer Dokumentation Alltag Überwachung, anderes ist neu. Etwa das Fallbeispiel des totalüberwachten Terrorverdächtigen Soziologen Andrej Holm aus Berlin. Im Fokus des Films stehen aber eher private Datensammler, einiges ist grafisch ganz nett aufbereitet. (direkt zum Video in der ZDF-Mediathek, auf Sendungsseite außerdem Links zu vielen weiteren ZDF-Beiträgen).
Du bist Terrorist. Kurzes Animationsvideo (2009), das “Deutschland aus Politikeraugen” darstellen will. Ähnelt Panopti.com.
Who’s watching you? BBC-Doku-Serie, Sendestart 25. Mai 2009. Online bisher Trailer und Textbeiträge, sowie zwei ausführliche Blog-Einträge von Produzent Mike Rudin (1, 2).
Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen, RFID-Chips in Pässen und Konsumgütern – und was noch? In der Dokumentation “Alltag Überwachung” (Infos, Trailer) von Roman Mischel und mir kommen Überwachungsgegner und Innenpolitiker, Datenschützer und Polizisten, Wissenschaftler und Betroffene zu Wort. Am 5. November 2006 ist der Film in einer Werkstattvorführung in Bielefeld im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Public Domain” des Foebud e. V. zu sehen.
Aus der Reihe “unverhofft im online gefunden”: “Unabhängig im Auftrag der Firma” , ein taz-Artikel über Corporate Publishing, den ich 2002 geschrieben habe.