Hamburger Fahrradhäuschen: Kaum neue Förderung

Zwölfeckiges Fahrradhäuschen in Hamburg-Eimsbüttel | Foto: Fiete Stegers

Von der Stadt geförderte Fahrradunterstellmöglichkeit: Fahrradhäuschen vom Typ "Ottensen"

Die Fahrradwege in häufig desolatem Zustand oder blockiert, ein Jahr als Umwelthauptstadt ohne nennenswerte bleibende Impulse: Es gibt vieles zu beklagen, wenn es um den Stellenwert des Fahrrads als Verkehrsmittel in Hamburg geht – aller Versprechungen der verschiedenen Senate zum Trotz. Positiv sticht neben dem stark genutzen, von der DB betriebenen Leihfahrrad-System vor allem eine Hamburger Innovation hervor: Die Stadt fördert die Aufstellung sogenannter Fahrradhäuschen auf öffentlichem Grund.

In vielen Fällen, vor allem in Altbaugebieten, gibt es keinen geeigneten Platz in Kellern, Hinterhöfen oder Garagen, um Fahrräder unterzubringen. Das Abstellen in Hausfluren und Treppenhäusern ist oft wegen Beschädigung und Versperrung von Fluchtwegen unerwünscht. Auf der Straße abgestellte Fahrräder sind Wind und Wetter ausgesetzt und außerdem nachts nicht versichert, auch wenn sie an eine Laterne angeschlossen werden. Abhilfe kann durch die Aufstellung von abschließbaren Fahrradhäuschen in unmittelbarer Nähe zum Wohnhaus geschaffen werden.

heißt es dazu auf der Homepage der Stadt.

Anwohner, denen im eigenen Haus keine Fahrradstellplätze zur Verfügung stehen, können sich zusammenschließen und gemeinsam die Aufstellung einer solchen überdachten Fahrradgarage beantragen, die von der Stadt Hamburg genehmigt und finanziell mit bis zu 3000 Euro unterstützt wird. Die charakteristischen zwölfeckigen Holzhütten gehören in vielen Gegenden in den innerstädtischen, häufig wenig unterkellerten (Altbau-)Vierteln zum Straßenbild.

Erste Fahrradhäuschen in Hamburg gab es Anfang der 90er Jahre im Bezirk Altona. Heute gibt es etwa 350, hauptsächlich in den Bezirken Eimsbüttel, Altona und Nord. Sie bieten Platz für gut 4.200 Fahrräder. Insbesondere in Altona und Eimsbüttel kommen jährlich einige neue Fahrradhäuschen hinzu. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Beantragung neuer Fahrradhäuschen sehr langwierig und aufwendig sein kann.

schreibt der VCD Nord, der selbst vier Fahrradhäuschen betreibt.

Persönlich betroffen vom „Parkdruck“

Ein solch ernüchterndes Erlebnis hatte auch ich, als ich mich am von einer Nachbarin initierten Antrag zur Aufstellung eines Fahrradhäuschens in unserer Straße in Hamburg-Eimbüttel beteiligen wollte. Nach einem Ortstermin mit mehreren Vertretern der für die Gehmigung zuständigen Bezirksverwaltung kam der Bescheid: Wegen „hohen Parkdrucks“ für den Autoverkehr wurde keine Aufstellgenehmigung am Straßenrand erteilt, die die Umwidmung von öffentlichen Auto- zu Fahradparkplätzen bedeutet hätte. Der „Parkdruck“ für Radfahrer ist offensichtlich von geringerer Bedeutung.

Überrascht war ich vor allem deshalb, weil sich in den angrenzenden Straßen bereits mehrere Fahrradhäuschen befinden, für die wahrscheinlich Autoparkplätze weggefallen sind. Deshalb interessierte mich, wie die derzeitige Genehmigungspraxis generell aussieht und fragte bei den Bezirken nach.

Aufgestellte Fahrradhäuschen
Bezirk 2014 * 2012 **
Nord 45 öffentlicht, 12 privat 52
Altona 101 95
Wandsbek 0 0
Harburg 0 0
Bergedorf 0 0
Mitte 19 12
Eimsbüttel ca. 220 180
Hamburg gesamt 369 339

(Quellen: * Auskunft der Bezirke; ** Radverkehrsstrategie für Hamburg
Fortschrittsbericht 2013)

Gesamtzahl der Anträge sinkt, wenig neue Genehmigungen

Im Bezirk Eimsbüttel, in dem die mit Abstand meisten Fahrradhäuschen stehen, gab es 2014 ingesamt 15 Anträge. 2014 wurde ein Fahrradhaus auf öffentlichen Grund genehmigt und bezuschusst, 12 Fahrradhäuser wurden abgelehnt. 2013 wurde ein Fahrradhaus auf öffentlichen Grund genehmigt und bezuschusst, 10 Fahrradhäuser wurden abgelehnt.

Im Bezirk Altona wurde 2013 zehn Anträge gestellt und immerhin ein Fahrradhäuschen genehmigt. Vier Anträge wurden 2013 nicht abschließend bearbeitet. Aus dem Jahr 2014 befanden sich zum Zeitpunkt meiner Anfrage (Februar 2015) noch insgesamt sieben Anträge in Bearbeitung.

Im Bezirk Nord ist die Zahl der Anträge in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken (Ratsdrucksache). Kein Wunder, wurden nach Auskunft des Bezirks doch alle Anträge abschlägig beschieden:

Die Ablehnungsgründe waren vorwiegend der Verlust von Parkraum und Baumbestand, Platzmangel, Beantragungen nicht vor dem eigenen Grundstück sowie andere vorhandene Fahrradabstellmöglichkeiten auf Privatgrund.

Anträge 2010 Anträge 2011 Anträge 2012 Anträge 2013
8 6 2 1

Im Bezirk Mitte gab es 2014 sieben Anträge (2 Genehmigungen, 2 in Bearbeitung, drei Anträge zurückgezogen), 2013 waren es zwei Anträge (1 Genehmigung, 1 Ablehnung).

Im Bezirk Wandsbek hat seit 2010 keine Anträge mehr auf Sondernutzung für Fahrradhäuschen gegeben:

Wandsbek zählt in seinen überwiegenden Gebieten nicht zu den zuvor beschriebenen verdichteten Bereichen für die eine Aufstellung von Fahrradhäuschen in Betracht zu ziehen wäre.

hieß es 2011 vom Bezirk.

In Bergedorf erinnerte sich der Bezirk vage an „eine Anfrage vor zehn Jahren“, und auch in Harburg sind Fahrradhäuschen nicht bekannt.

Die nicht nur im Verhältnis zum Bestand geringen Genehmigungszahlen scheinen im Langzeitrend zu liegen. Das zeigt der im 2013 erschienenen Fortschrittsbericht zur Radverkehrspolitik des Hamburger Senats unter der optimistischen Überschrift „Gute Bedingungen zum Fahrradparken“ mit den Zahlen der neu aufgestellten Fahrradhäuschen für 2012 und 2013.

Jahr Mitte Altona Eimsbüttel Nord Wandsbek Bergedorf Harburg ganz Hamburg
2011 2 1 10 0 0 0 0 13
2012 1 1 7 0 0 0 0 9

Vollständig vergleichbare Datenfortschreibungen habe ich leider bei meiner privaten Recherche nicht erhalten, weil die Antwortformate – wie schon vorab befürchtet – trotz präziser Fragen recht divers ausfielen (die Mühen der Ebene beim Kontakt mit sieben Bezirksämtern). Eine datenjournalistische Analyse entfällt also. Spannend wären natürlich die exakten Standorte und Begründungen für genehmigten und abgelehnte Fahradhäuschen. Theoretisch wäre ja auch denkbar, dass alle Antragsteller absurde Vorstellungen haben, die von den Behörden zu Recht abschlägig beschieden werden, und ohnehin kaum vernünftig begründete Interesse an neuen Fahrradhäuschen besteht.

Fahrradhäuschen und leere Parkplätze in Hamburg-Eimbüttel | Foto: Fiete Stegers

"Hoher Parkdruck"? Nicht zu jeder Tageszeit.

Lange Wartelisten für Stellplatz-Interessenten

Deutlich ist allerdings bereits jetzt: Zu den bestehenden Fahrradhäuschen kommen nur wenige neue hinzu. Und in den vorhandenen werden nur selten Plätze frei: So wirbt die Stadt zwar im Fortschrittsbericht und auf hamburg.de damit, Interessen Kontakt zu den privaten Häuschen-Verwaltern zu vermitteln, muss aber zugleich einräumen:

Im Bezirk Eimsbüttel sind zurzeit keine Plätze in Fahrradhäuschen frei; die Verwalter führen bereits lange Wartelisten, so dass entsprechende Nachfragen nicht sinnvoll sind (Stand Dezember 2014).

In den Dokumentensammlungen der Hamburger Bezirksversammlungen lassen sich aus den letzten Jahren verschiedene offensichtlich letzten Endes wenig erfolgreiche Versuche ablesen, die sich für eine stärkere Förderung von Fahrradhäuschen einsetzen.

Der Wegfall von Kfz-Stellplätzen darf jedoch kein Totschlagargument gegen Fahrradhäuschen sein. In verdichten Stadtteilen wird jeder freie Quadratmeter zum Parken von Kfz genutzt. Damit wären Fahrradhäuschen dort, wo sie besonders benötigt werden, grundsätzlich nicht mehr genehmigungsfähig.

forderte etwa 2013 der Umweltausschuss der Bezirksversammlung Nord auf Vorschlag der Grünen.

Der VCD Nord wünscht sich daher von den Bezirken künftig deutlich wohlwollendere Prüfungen von Anträgen für Fahrradhäuschen. Auch auf diese Weise würden sie der Radverkehrsstrategie besser gerecht.

In Eimbütttel forderte 2013 beispielsweise die FDP, Fahrradhäuschen und den sich dafür engagierenden VCD besser zu unterstützen. Verkehrsausschuss und Bezirksversammlung lehnten dies ab. Gleichzeitig verlangte der Verkehrsausschuss  dort 2014, den Zuschuss zu den möglichen Kosten eines einzelnen Fahrradhäuschens auf 3500 Euro zu erhöhen, da die dafür vorgesehenen Mittel trotz Genehmigungen wegen gestiegener Herstellerkosten teilweise nicht abgerufen worden waren.

Insgesamt macht es auf mich den Eindruck, als ob sich die Stadt zwar gerne mit Fahrradhäuschen als Leuchtturmprojekt schmückt, aber das Projekt nach energischem Start in der behördlichen Praxis ein Stiefkind ist.

Fahradhaus in die Alster gefallen

Symbolisch dafür ist die offizielle, auf Hamburg.de verlinkte Google-Maps-Karte, auf der die Standorte aller Hamburger Fahrradhäuschen für Stellplatz-Interessenten einzusehen ist. Allerdings nicht nur einzusehen: Karte und Daten lassen sich auch durch nicht eigens autorisierte Benutzer verändern. Diese Möglichkeit zu (ungewollten) Vandalismus durch (unkundige) Nutzer hat unter anderem dazu geführt, dass auf der Karte obskure Routenplanungen ergänzt und ein Marker für ein Fahrradhäuschen in die Außenalster gesetzt wurde.

Was soll diese Route auf der (ungeschützten) Karte der Fahrradhäuschen-Standorte?

Als eingetragene Bearbeiter der Karte sichtbar sind ein Mitarbeiter, der die Verkehrsbehörde inzwischen verlassen hat, und eine ehemalige Praktikantin, die ihre Masterarbeit zur Nutzung der Fahrradhäuschen schrieb. Aus der Behörde hieß es als Antwort nach meinem Vandalismus-Hinweis, dass „leider keine intensive Pflege der bestehenden Inhalte“ mehr stattfindet, „so dass Ihren Hinweisen (vielen Dank dafür) zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachgegangen werden kann“.

Ich bin gespannt darauf, wie das in seiner Anlage doch so innovative, aber für weiteres Wachstums ausgebremste Konzept des Hamburger Fahrradhäuschens im nächsten, für dieses Frühjahr angekündigen Fortschrittsbericht zur Radverkehrsstrategie verkauft wird und ob die dort veröffentlichen Zahlen meine Annahmen bestätigen. Bezugnehmend darauf und den zu erwartenden Koalitionsvertrag werde ich dann wohl noch einmal einen neuen Antrag auf Genehmigung eines Fahrradhäuschens stellen.

Update, 8. April 2015:

SPD und Grüne haben heute ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Darin sind zwei Seiten auch dem Ziel gewidmet, Hamburg zu einer fahrradfreundlichen Stadt zu machen: „Hamburg wird Fahrradstadt“. Das Sub-Thema Fahrradparken kommt darin, soweit ich sei, nur einer Stelle explizit vor („Die Koalitionspartner werden das auf den Weg gebrachte Bike+Ride-Konzept schneller umsetzen als bisher geplant.). Einzig diese Absichtserklärung für eine Absichtserklärung könnte etwas Hoffnung für den Ausbau der Fahrradhäuschen aufkommen lassen: „Ähnlich dem Vertrag für Hamburg soll mit den Bezirken ein Bündnis für Radfahren geschlossen werden.“

 

Welche Erfahrungen haben andere Antragsteller gemacht? Gerne in den Kommentaren äußern.

1 Response to “Hamburger Fahrradhäuschen: Kaum neue Förderung”


  1. Peter Gutzeit

    Leider habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass die Eigentümer/Verwalter der jeweiligen Fahrradhäuschen leider nicht an den Häusern vermerkt sind, sodass eine direkte Kontaktaufnahme von fahrradplatzsuchenden FahrradfahrerInnen mit den Besitzern unmöglich ist.
    Ein entsprechender Antrag von mir in der Bezirksversammlung Eimsbüttel (Drucksache 20-0958), ist vom Datenschutzbeauftragten abschlägig beurteilt worden. Insgesamt ist die Situation von Abstellplätzen für Fahrräder in der „Fahrradstadt“ Hamburg äußerst unzufrieden.